Laufdorf in der Geschichte

Ein Bericht von Heinz Euler

Bei Laufdorf handelt es sich um eine der ältesten Siedlungen nach der letzten Eiszeit. Die Gemarkung Laufdorf lag zwischen dem Eisschild oder dem Eiszelt, das sich von Skandinavien über Holland in die norddeutsche Tiefebene sowie aber 2/3 von Rußland hin erstreckte. Im südlichen Raum befand sich der Eisschild über den Alpen und streckte sich über wesentliche Teile des Allgäus, wo die auslaufenden Gletscher noch heute in der Form von runden Hügeln sichtbar sind. Die Eisdecke reichte über die Niederlande und den Unterlauf des Rheins bis an die Rheinmündung, zog über den Nordsaum der deutschen Mittelgebirge, über das Saalegebiet weiter südwärts und erreichte den Thüringer Wald, das Erz- und Riesengebirge und die Sudeten.

In der Laufdorfer Gemarkung herrschte ein Tundrabewuchs, in den Tälern mit nordischem Birken- Kiefern- Wald und Haselnußsträuchern. In unserem Gebiet war auch während der Eiszeit ausreichender Pflanzenwuchs vorhanden, der die Nahrungsgrundlage für viele Tiere bildete.

Auch in Laufdorf kann davon ausgegangen werden, daß das Gebiet nordöstlich des jetzigen Dorfes von Steinzeitbauern besiedelt war. Entsprechende Scherbenfunde wurden bisher nicht ausgewertet. Dies gilt auch für die Besiedelung unterhalb des jetzt bestehenden Friedhofes. Bekanntlich wurden bei Ausschachtungsarbeiten Scherben gefunden, die im Heimatmuseum auf dem Backhaus aufbewahrt werden und noch nicht umfassend ausgewertet sind.

Auf eindeutige keltische Besiedelung weisen die Flurnamen “Am Heiligen Baum” und “Am Heiligen Kreuz” in nordöstlicher Richtung hin. Es ist bekannt, daß gerade die Kelten besonders heilige Bäume und Steine verehrten. Im übrigen hat auch der Name “Eller“ keltischen Ursprung. Es ist bekannt, daß die Kelten eine Göttin verehrten, die unter dem Namen “Epona” und in Hessen später als “Eller” bekannt war. Die Göttin war eine Fruchtbarkeitsgöttin. Noch heute wird in Laufdorf das Elternhaus, in dem die Großmutter wohnte oder wohnt, als “Ellersch” bezeichnet. Die Großmutter war also die “Eller”. Im Zeichen der Emanzipationsbestrebungen kommt es nicht von ungefähr, daß früher das Familienoberhaupt eben die Großmutter war, welche die Familie zusammenhielt, mit der man seine Sorgen beredete, insbesondere die Enkel und Urenkel, und deren Rat man befolgte. Der Begriff “Ellar” oder “Eller” ist also eindeutig keltischen Ursprungs. Es mag dahingestellt sein, ob die hier lebenden und wohnenden Kelten sich zum Oppidum mit einigen Hektar Ausdehnung auf dem Dünsberg oder aber zu der kleinen Wallanlage bei Holzhausen orientierten.

Da der Dünsberg als befestigte Fliehburg in über 30 km Entfernung von überall sichtbar ist, auch von Laufdorf, kann eine Orientierung zu diesem keltischen Oppidum angenommen werden. Gerade die Kelten kannten die Eisenverhüttung und den Bronzeguss. Direkt hinter dem Wäldchen “Löhnchen” liegt ein Gemarkungsteil mit dem Namen “Eisenacker”. Ein weiterer Teil mit Namen “Eisenkaut” schließt sich an. Es muß angenommen werden, daß hier das Brauneisenerz, das in mächtigen Flözen bis zu 2 Meter Dicke zur Oberfläche kam, gewonnen wurde. Auch der Name des etwa 400 m entfernten “Rennwaldes” deutet auf “Rennöfen”, also Eisen­verhüttungsanlagen hin.

Es ist bekannt, daß diese Rennöfen mit Lehmverkleidung vorwiegend an den südwestlichen Hängen aufgebaut wurden, damit beim Aufwind der Windzug in die Holzkohle das Feuer zur großen Glut entfachte. Bekanntlich waren gerade an großen Wegkreuzungen wie hier an “Löhnchen” auch Waldschmiede vorhanden, die das Erz von Schlacke befreiten und weiter zu Schwertern, Äxten und anderen Gebrauchsgegenständen verarbeiteten. Gerade der Name “Eisenkaut” deutet eindeutig auf Erzentnahme von der Oberfläche im Boden hin. Etwa 500 m in nördlicher Richtung wurde bis 1962 Brauneisenstein im Tagebau auf dem Schacht “Margarete” der Grube Laubach gefördert.

Am westlichen Waldrand des Rennwaldes wurden Schlackenhalden gefunden, die auf frühere Rennöfen, da das Gelände nach Südwesten abfällt, schließen lassen.

Es befanden sich am Gräberfeld (wahrscheinlich nicht nur Hügelgräber) am Löhnchen über 34 Grabhügel. Diese Grabhügel konnten mit Sicherheit verschiedenen Epochen zugeordnet werden. Diese historische Wegkreuzung war Jahrhunderte oder Jahrtausende benutzt worden. Selten wurde im Kreis Wetzlar ein so umfangreiches Gräberfeld festgestellt. Neben verschiedenen Störungen (Raubgrabungen im Laufe der Jahrhunderte, die es damals schon gab) hat der Beauftragte des Fürsten in Braunfels, Schaum, schon 1801 Gräber im Löhnchenfeld in Laufdorf geöffnet. Ein entsprechender Bericht befindet sich im Reichsanzeiger Nr.4 von 1802. Von Anfang März des Jahres 1916 bis zum 18. Mai wurden insgesamt 30 Gräber geöffnet und alle für die damalige Zeit ungesehenen wertvollen Stücke nach Braunfels gebracht. Da die Gräber mit einem Spaten einfach vertikal von oben geöffnet wurden, sind die meisten Urnen zerstört worden. Einige erhaltene Urnen und Bleigefäße, die bei den wüsten Grabungen nicht verletzt wurden, sind nach Braunfels gebracht worden. Aus dem Tagebuch des Herrn Schaum ist zu entnehmen, daß Reste von eisernen Schwertern und Hiebmessern geborgen wurden.

Das gleiche gilt für die Hügelgräber vorm “Reutstrauch”. Hier befinden sich etwa 20 Grabhügel mit 10 – 18 m Durchmesser. Zwei Grabhügel wurden zerstört, drei weitere stark gestört. 1926 wurde ein Hügel ausgegraben Bei der Grabung wurde unter einem großen Stein die Reste einer hallstattlichen Brandbestattung festgestellt

In dem jetzigen Schwalbacher Gemarkungsteil “Rehbock”, der früher zu Laufdorf gehörte, findet sich das größte keltische Fürstengrab nördlich der Alpen. Auch hier wurde eine Raubgrabung festgestellt, da Bronzeteile des Zaumzeuges der Pferde in dem großen Depotfund bei Steindorf, südlich der nördlichen Strecke der alten Koblenzer Straße festgestellt wurden. In diesem Grab wurden 15 schwere Ringe von rundem Querschnitt, 3 Stücke Bronzedraht, Bronzebleche, 3 Gusskuchen aus Bronze und andere Teile festgestellt.

Der Grüne Weg kam über das Weidfeld am jetzigen “Löhnchen” vorbei durch die Flurbezeichnungen “Zur Zwerchstrasse” (Zwerch – Quer), über “Spiess”, “Geisspitze”, “Kolheck” wiederum zum “Rehbock”. Die Abstammung des Namens “Rehbock” hat allerdings mit dem Wildtier wenig zu tun, da früher diese Höhe “Rechechin” dem Wort verwandt (Hereo) mittelhochdeutsch (Reh) mit der Bedeutung Leichnam, Unterbedeutung “Buk” als Flurname (Burck als Bezeichnung für Grabstätte).

Offenbar im Volksmund, weil man diesen Begriff besser verstehen konnte und tatsächlich dort Rehböcke grasen, wurde der Flurnamen später einfach in “Rehbock” umbenannt. Um 1300 in den Wetzlarer Urkunden 1 wird diese Höhe “Rehechin” genannt. 1450 (Rotes Buch im fürstlichen Archiv in Braunfels) wird der Grüne Weg Steinweg, die Fernstraße auch Betterauer Weg genannt. Dieser Grüne Weg war ein Hohlweg, der auf der Sohle 7 bis  8 m breit war und eine obere lichte Weite von 16 bis 17 m hatte. Einschnitt betrug im Durchschnitt 4 m Der Grüne Weg läuft über die Schwalbacher Gemarkung weiter zum Steuter Weg (alte Mainzer Straße) und wo nach Osten zum Wetzbachtal der Ringweg sich senkt. Der Grüne Weg wird auch in den Dörfern des südlichen Kreises Wetzlar als Wellerweg bezeichnet. Der Grüne Weg durchschneidet die Fluren von Cleeberg, Griedelbach, Oberwetz, Niederwetz, Schwalbach, Laufdorf, Oberndorf und Burgsolms, bis er auf die sogenannte Hohe Straße kommt.

Am Löhnchen trafen sich der Grüne Weg, der Reuter Weg oder Steinweg, der an Nauborn vorbei über das Finsterloh nach Lützellinden führte, die Straße nach Wetzlar über den Kalsmunt die dort auf die Kölner Straße stieß, sowie die Straße vom Feuersteinweg über den Kalsmunt. Der Feuersteinweg führte über den Taunuskamm von Braunfels, Oberreifenberg bis in die Wetterau und in das Rhein-Main Gebiet.